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Elke Bippus / Jörg Huber / Roberto Nigro (Hg.): Ins Offene.
Gegenwart : Ästhetik : Theorie. Magazin 31, No. 18/19, 2012.
mit Beiträge von:
Emmanuel Alloa / Rosella Biscott_Roberto Nigro / Sabeth Buchmann_ Ruth Sonderegger_Marion von Osten / Anne Cotten_Christian Filips_Florian Neuner_Monika Rinck / Pascale Criton / Alexander Garcia Düttmann / Josef Früchtl_Christoph Menke_Juliane Rebentisch / Anke Haarmann / Erich Hörl_Jörg Huber / Dieter Mersch_Michaela Ott_Mirjam Schaub / Jürgen Ploog / Jacqueline Poloni / Hans Ulrich Reck / Anne Sauvagnargues / Ludger Schwarte / Bea Schlingelhoff / Philipp Stoellger / Erik Steinbrecher
Wenn die Ästhetik das sinnliche Gewebe und die Verständlichkeitsform und die Verständigungsform der Kunst ist, d.h. der Name des Begriffes, der seit zwei Jahrhunderten dies sinnliche Gewebe bezeichnet, dann kann die Entstehung der Ästhetik nicht von den Lebensformen getrennt werden. Die Bedingungen der Ästhetik, die Bedingungen ihrer Entstehung wie auch die ästhetische Lage, können nicht von einem allgemeinen Begriff der Kunst oder des Schönen abgeleitet werden; sie stammen nicht von einem globalen Denken des Menschen, der Welt, des Subjektes oder des Seins. Sie sind von der Transformation der sinnlichen Erfahrung abhängig und wirken zusammen mit der Veränderung der Lebensfor- men. Die Ästhetik begreift die neuen Konfigurationen der Erfah- rungen, d.h. die Transformationen unserer Wahrnehmung und der Art und Weise, wie wir affiziert werden. Unter dem BegriffÄsthetik wird keine Theorie der Kunst genannt, kein Privileg des Diskurses wieder aufgerufen; aber auch keine Autonomie des plastischen Universums eingefordert. Ästhetik beschreibt die Komplexität der Beziehung zwischen Diskursivem und Nicht-Diskursivem und ist der Name für den Boden, auf dem die sinnliche Erfahrung von dem, was wir Kunst nennen, stattfindet. Ästhetik ist dann das Terrain, das am besten erlaubt, die gegenwärtige Lage zu denken, vor dem Hintergrund der Transformationen der Produktionswei- sen und der damit veränderten Rollen, die Immaterialität und Affektivität in den sozialen wie maschinischen Gefügen spielen.
Im Titel Ins Offene hallt die Sache und die Aufgabe des Denkens wider, weil sich die Ästhetik nach der Aktualität richtet; ihr obliegt die Aufgabe, die Gegenwart zu denken, die Zeit und die historische Lage, in der wir leben, zu untersuchen. Ihr gehört der Versuch, zu bestimmen, was mit uns geschieht, wer wir in diesem präzisen Moment der Geschichte sind. Die Aufgabe der Ästhetik besteht dann darin, das Offene zu erkunden und die Präsenz ans Licht zu bringen, bzw. das Abwesende und das Anwesende, die sich im Offenen versammeln, zu beleuchten. Aber es handelt sich um eine sehr besondere Erfahrung der Beleuchtung; nicht nur weil sie jenseits des Auges alle Sinne einbezieht, sondern insbesondere, weil sie sich gerade nicht auf die Macht des Lichtes stützt. Es geht vielmehr um einen auf die Dunkelheit geworfenen Blick auf der Suche nach einem schwachen Licht, das sich immer verschiebt, das sich immer von uns distanziert. Der Versuch, die Finsternis zu schauen, ist eine mutige Geste. Hier wird die ästhetische Erfahrung zum Unbehagen, weil sie, anstatt in der Klarheit des Tageslichtes die Wahrheit des Werdens des Seins zu begreifen, den unzeitgemässen Charakter der Gegenwart zeigt. Anstatt vom Licht der Gegenwart geblendet zu werden, handelt es sich darum, den Blick auf die Schattenseite der Gegenwart zu werfen. Nicht das Mittagslicht, sondern die Blässe und die Undurchsichtigkeit, durch die sich die ästhetische Erfahrung ergibt, zeigen, dass die historischen Bedingungen, auf denen die künstlerische Erfahrung beruht, mit der Zeit und der Gegenwart nicht übereinstimmen, sondern sich im Widerstreit befinden. Hier erscheint das Unzeitgemässe der Ästhetik, ihr (Ein-)Wirken gegen die Zeit, auf die Zeit, auch im Sinne einer noch zu kom- menden Zeit. Durch eine immer noch verschobene Geste versucht die Ästhetik, das sinnliche Gewebe sagbar, sichtbar, hörbar zu machen . Sie versucht, die historischen Möglichkeitsbedingungen der Kunst zu begreifen, d.h. die singulären Dispositive, die die künstlerische Erfahrung regieren, zu erörtern. Wenn wir von ästhetischer Erfahrung sprechen, denken wir nicht an einen Bereich, etwa den Bereich der Experten oder der Künstler, sondernandas Leben eines jeden Individuums, weil jeder Lebensweise potentiell ein Künstlerisches eignet. Die Reflexion über die Bedingungsmöglichkeiten der Kunst ist denn auch Reflexion über die Existenz, über die Existenzmodi; daher wird die Ästhetik zur Ästhetik der Existenz bzw. Reflexion über die Aktualität, über die Gegenwart.
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